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Über Würde und Wertschätzung


Liebe Anna!

 

Gestern hab ich mich nach langer Zeit wieder mal mit Ruth getroffen. Und ob du’s glaubst oder nicht, sie ist immer noch die Assistentin vom Heller.

Und rate mal, worüber wir den halben Abend lang gesprochen haben. Genau. Über den Mann, mit dem sie Montag bis Freitag bei Tageslicht ihre Lebenszeit teilt.

 

Wenn der wüßte, wie sehr er mich aufregt, obwohl ich ihn gar nicht persönlich kenne! Aber das, was Ruth mir erzählt, reicht mir vollkommen. Wir beide wissen, dass Ruth keine verbalen Rundumschläge macht, wenn es nicht sein muss. Also wenn sie sich mal beschwert, dann ist Feuer unterm Dach.

 

Unsere liebe Ruth. Dir muss ich ja nicht extra alle ihre positiven Seiten aufzählen. Aber der Richtigkeit halber fasse ich sie nochmal kurz zusammen: Ruth ist:

gebildet, zuvorkommend, gewissenhaft, zuverlässig, freundlich, ordentlich und hat ihr Herz am rechten Fleck. Abgesehen davon ist sie äußerst attraktiv, aber das erkennt sie selbst momentan leider auch nicht mehr.

 

Und weißt du, was der Heller macht?

Bzw. was er nicht macht?

Er erkennt das alles nicht.

Oder er erkennt es, zeigt das aber nicht.

Ruth macht täglich Überstunden, Ruth vergißt, Wasser zu trinken, Ruth hat Nackenverspannungen und Magenschmerzen.

Ruth versucht ihm zwischen Tür und Angel wichtige Mitteilungen zu machen und hat ständig das Gefühl, sowieso nie mit etwas fertig zu werden. Außerdem ist sie so emphatisch und merkt genau, welche Themen ihn nerven, sodass sie das Gefühl hat, sie müsse sie von ihm fernhalten, obwohl sie in sein Aufgabengebiet fallen.

 

Und Ruth hat Angst. 

Angst, nicht gut genug zu sein und Angst, ausgetauscht zu werden und ohne Job dazustehen.

Ich hab dezent versucht, ihr Weltbild ein bisschen zurecht zu rücken. Ich hab’s mal damit versucht: 

 

1. WERTSCHÄTZUNG. Ein Chef hat zwar eine andere Position als seine Assistentin, das bedeutet, er hat ein anderes Aufgabengebiet und ein anderes Gehalt. Das bedeutet aber nicht, dass er als Mensch einen höheren Wert hat, der ihn berechtigt, unachtsam mit seinen MitarbeiterInnen umzugehen.

 

2. KLARHEIT. Sie hat ein Recht auf klare Antworten, die ihr Aufgabengebiet betreffen. Sie darf solange nachfragen, bis sich ein angenehmes Gefühl in ihrem Körper einstellt und sie weiß, welche Aufgaben zu erledigen sind. 

 

3. DEN EIGENEN WERT SEHEN. Eine gute Assistentin ist gold wert. Und eine gute Assistentin weiß das. Sie kennt ihren Wert und fordert den nötigen Respekt ein. (Zumal sie selbst ja so eine respektvolle Person ist). Ja, man darf auch seinen Chef höflich um Respekt bitten. Das funktioniert gut; ich hab das selber schon gemacht. 2 Tage später hat sich mein chronisch cholerischer Chef bei mir für sein Verhalten entschuldigt und es wirklich verändert. Das habe ich ihm hoch angerechnet. Damals war ich übrigens zarte 22 Jahre alt. Weißt du noch?

 

4. AUSSTRAHLUNG VERÄNDERN. Immer wenn sie merkt, dass sie etwas streßt, soll sie sich ganz fest mit ihrem Atem verbinden. Und immer ein bisschen länger ausatmen als einatmen. Das erklärt ihrem Körper, dass es jetzt nicht um Leben und Tod geht, dass sie sich wieder ein bisschen entspannen kann und in ihre Würde und Größe gehen kann. Das strahlt sie dann auch aus. Und das ist der Beginn, vom Heller anders wahrgenommen zu werden. 

 

PS: Ich weiß, auch Heller steht unter Druck. Das ist aber trotzdem keine Rechtfertigung. 

Weil: Entweder wir schnauzen uns alle gegenseitig an und entwickeln Verständnis für diese Tonlage, weil wir ja alle so unter Druck stehen (wer ist da eigentlich der Urübeltäter?) oder wir unterbrechen mal den Kreislauf und überlegen uns, auf welche Weise wir gerne behandelt werden möchten und wie wir selbst mit anderen umgehen möchten. 

 

Wertschätzung ist auf alle Fälle keine Frage von Berufspositionen. Wertschätzung ist die Grundlage für ein lebens- und liebenswertes Miteinander. 

 

Aber wem sag ich das? Wir sind uns da ja sowieso einig :)

Ich bin guter Dinge, dass Ruth mir nächstes Mal schon ganz andere Geschichten aus ihrem Arbeitsleben erzählen wird!

 

Also liebe Anna, ich soll dir übrigens liebe Grüße von ihr ausrichten und dir einen dicken Kuss schicken!

 

Hab dich lieb,

Doris


"Kein Mensch kann die in ihm angelegten Potentiale entfalten, wenn er in seiner Würde von anderen verletzt wird oder er gar selbst seine eigene Würde verletzt." (Gerald Hüther)

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