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Über die Gedanken der anderen


Liebe Anna!

 

Aus gegebenem Anlass - und weil ich weiß, dass diese Frage auch dich quält und das Beste in uns oft unterdrückt,

möchte ich dir meine Geschichte vom Seerosenteich erzählen.

 

Gestern Mittag sitze ich auf dem warmen großen Stein am Seerosenteich, lasse mir die goldene Herbstsonne ins Gesicht scheinen und genieße die Zeit mit mir. Du weißt ja, wie sehr ich die Stille liebe - und ab dem frühen Nachmittag geht der Trubel bei mir zu Hause täglich los.

Am Rande bemerke ich eine etwas ältere Dame, die die Blütenpracht durch ihre Kameralinse betrachtet und freue mich kurz, dass sie dabei auch ganz leise ist. Dann widme ich mich wieder mir, der Sonne und der guten Luft.

Nach einer Weile fragt sie mich: "Sie wundern sich?"

Ich: "Worüber?"

Die Dame: "Über das, was ich hier mache!!"

Ich: "Ach - nein, ich habe sie gar nicht beobachtet..."

Die Dame: "Das geht aber schwer. Ich bin ja schon eine Viertelstunde hier!"

Ich: "Hm. Ich war ganz bei mir."

Die Dame: "Das ist schön."

 

Und dann beginnt sie, mir zu erklären, warum sie was wie fotografiert. Wir verabschieden uns, ich genieße die letzten fünf Minuten und denke mir: das ist schon irre.

Wie oft machen wir Dinge - vor allem solche, die uns eigentlich am Herzen liegen - gar nicht oder aber mit einem unangenehmen Gefühl, weil wir zu wissen glauben, dass unser Umfeld sich darüber Gedanken macht.

 

Also: ab jetzt werde ich jedesmal, wenn mich der Gedanke hindert: "Was werden sich da die anderen denken?" an die Dame vom Seerosenteich denken und mich frei fühlen zu tun, wonach mir eben grad zumute ist. Daraufhin hab ich gleich ein Selfie gemacht, weil bis jetzt dachte ich immer: "..........?"

 

In diesem Sinne - do whatever you love - 

 

hab dich lieb,

 

Doris

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